Hamburgs erster autonomer On-Demand-Verkehr kann insgesamt als Erfolg gewertet werden. Die Zahl der Fahrgäste stieg stetig an. Nach sechs Wochen hat das Forschungsprojekt den Probebetrieb am 31. Oktober 2021 planmäßig eingestellt.


 

emoin: Sichere Fahrt durch das Bergedorfer Villenviertel

Während des Probebetriebs haben mehr als 1000 Fahrgäste die emoin-Shuttles genutzt. Seit Betriebsbeginn sind die drei emissionsfreien Fahrzeuge insgesamt 1325 Kilometer gefahren, davon allein 231 Kilometer während des ITS World Congress vom 11. bis 15. Oktober. Am häufigsten wurden Fahrten zwischen 14 und 15 Uhr sowie 16 und 18 Uhr gebucht. Schnell hatten sich auch Stamm-Fahrgäste gefunden, die mehrmals wöchentlich die gleiche Route zu ihrem gewünschten Ziel buchten. Die meisten Fahrgäste wollten allerdings in erster Linie die neue Art der Mobilität und der Fahrzeuge erleben. Sie berichten übereinstimmend von einem angenehmen, sicheren und komfortablen Fahrgefühl.

Bei den Fahrten der hochautomatisierten, elektrischen und etwa vier Meter langen Shuttles des Typs EZ10 Gen3 aus dem Hause des Softwareunternehmens EasyMile mussten die Fahrzeugbegleiter*innen zu keiner Zeit aufgrund einer Gefahrensituation eingreifen. Da die Shuttles nach aktueller Gesetzgebung noch nicht komplett fahrerlos unterwegs sein dürfen, war stets eine Fahrzeugbegleitung der Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein GmbH (VHH) an Bord. Die Fahrzeuge wurden außerdem technisch durch Expert*innen des Dekra Technology Center geprüft.

 

Projektpartner der VHH werten Details aus

In den nächsten Wochen wollen die Projektpartner des Forschungsprojektes ihre Erkenntnisse auswerten. Eine erste Bilanz konnte schon jetzt gezogen werden.

Toralf Müller, Geschäftsführer VHH: „Die einzigartige Gelegenheit in einem Reallabor Erfahrungen mit dem Betrieb von autonomen Fahrzeugen sammeln zu können, ist für die VHH sehr wertvoll. Die Begeisterung der Fahrgäste bestärkt das Unternehmen die Technologie mit weiterzuentwickeln, um als zweitgrößtes Verkehrsunternehmen Norddeutschlands auch weiterhin die Mobilität von morgen innovativ und nachhaltig mitzugestalten.“

Andree Hohm, Direktor Fahrerlose Mobilität Continental: „Dieses Projekt hat Akteure zusammengebracht, die normalerweise nicht viel miteinander zu tun haben: Den ÖPNV mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und der Autoindustrie – dieses Projekt konnte nur in dieser Kombination entstehen und es hat sich gezeigt, dass die einzelnen Beiträge der Partner sehr gut ineinandergreifen. Das Betriebsgebiet war sehr anspruchsvoll. Es gab viele Herausforderungen an der Strecke durch Vegetation, enge Straßenzüge oder auch falsch parkende Autos. Wir haben wertvolle Erkenntnisse gewonnen, die nun in die Weiterentwicklung der Fahrzeugtechnik und -software einfließen, etwa im Bereich der Sensoren.“

Benedikt Sperling-Zikesch, Sales Director People Transport EMEA & Managing Director DACH EasyMile: „Das Reallabor Hamburg hat sich vorgenommen, Trends der Mobilität unter Realbedingungen zu testen – mit Erfolg! Für uns war die Strecke in Bergedorf eine echte Herausforderung. Die vielen parkenden Pkw, Verkehrsteilnehmer*innen und die engen, teils steil ansteigenden Straßen haben unsere Technologie auf Herz und Nieren geprüft. Wir sind sehr stolz, dass unsere Shuttles hier bestehen und den Anwohner*innen sowie den Besucher*innen der ITS Hamburg einen echten Service bieten konnten.“

Yvonne Köhne, Teamleiterin Automatisiertes Fahren im DEKRA Technology Center: „Das Projekt hat aus unserer Sicht wichtige Erkenntnisse gebracht. Am Ende stehen ganz konkrete Erfahrungen, wie automatisierte Fahrzeuge in der Anbindung eines Stadtviertels an das bestehende Öffentliche Verkehrsnetz bedarfsgerecht und sicher eingesetzt werden können. Alle Beteiligten nehmen aus diesem Praxis-Einsatz auch Lerneffekte in Bezug auf die Herausforderungen mit, die es bei der Weiterentwicklung und Zulassung solcher zukunftsweisenden Konzepte für den Einsatz im größeren Stil noch zu lösen gilt. DEKRA steht bereit, seine Expertise auch weiterhin in diesem Bereich einzubringen.“

Anke Sauerländer, Institut für Verkehrssystemtechnik des DLR: „Die bedarfsgesteuerte Routenbildung hat die Erwartungen in Bezug auf Themen wie Abholung, Absetzung nah an gewünschter Adresse oder Vermeidung von Leerfahrten erfüllt. Zu stark nachgefragten Tageszeiten kann eine Mischung aus On-Demand- und Linienverkehr sinnvoll sein, das betrifft zum Beispiel feste Abfahrtszeiten am Bahnhof Bergedorf.“

 

Effizienter emoin-Betrieb, kaum Leerfahrten

Vom 21.09.2021 bis zum 31.10.2021 konnten Fahrgäste per Telefon oder über die emoin-App eine Fahrt durch das Bergedorfer Villenviertel während der Betriebszeiten von 8.30 Uhr und 19.30 Uhr buchen. Die Mitfahrt war kostenlos. Das Institut für Verkehrssystemtechnik des DLR stellte die Software zum Disponieren der bedarfsgesteuerten Shuttles zur Verfügung. Der DLR-Algorithmus koordinierte die Routenplanung der Shuttles. Dadurch wurden Leerfahrten vermieden und der Betrieb effizienter.

Das Technologieunternehmen Continental entwickelte eine App, die den Fahrgästen eine schnelle und einfache Buchung von Fahrten über das Mobiltelefon ermöglichte. Continental ergänzte darüber hinaus  die bestehende Sensorik der fahrerlosen Shuttles um weitere Radarsensoren zur Erweiterung der hochgenauen Lokalisierung der Fahrzeugposition. Weiterhin wurden innovative Lasersensoren des Unternehmens eingebaut, welche das Fahrzeugumfeld genau erfassen können. Ein Notfallbremssystem basierend auf serienerprobten Continental-Technologien wurde für den Einsatz in autonomen Shuttlebussen adaptiert und ebenfalls in die Fahrzeuge integriert.

Im Rahmen des Reallabors Hamburg wird die Mobilität von Morgen erforscht. In dem Forschungsprojekt wurde erprobt, wie autonome Kleinbusse im On-Demand-Verkehr die Lücke auf der „ersten und letzten Meile“, zwischen dem Wohnort und den nächstliegenden ÖPNV-Haltestelle, geschlossen werden können.